Mit raschen Zinserhöhungen hat die US-Notenbank im vergangenen Jahr die Inflation unter Kontrolle bekommen. Nun hoffen die Märkte auf ein baldiges Ende der straffen Geldpolitik. Es gibt gute Gründe, warum dabei nichts überstürzt werden sollte.

Seit Juli 2023 hat die Federal Reserve nicht mehr an der Zinsschraube gedreht. Damit bewegt sich der Leitzins seit rund sechs Monaten unverändert in einer Spanne von 525 bis 550 Basispunkten¹. Die Währungshüterinnen und Währungshüter sind zufrieden mit den Fortschritten, die sie bei der Bändigung der Inflation erzielten. Selbst Fed-Direktor Christopher Waller, der bisher für ein hartes Vorgehen plädierte, stimmt sanftere Töne an. Sollte die Inflation weiter zurückgehen, gebe es genug ökonomische Argumente für eine geldpolitische Lockerung, äußerte er im Dezember². 

Diese Signale gaben den Startschuss für eine Jahresendrallye an den Aktienmärkten. Im vierten Quartal 2023 stieg der US-Leitindex S&P 500 um 14 Prozent und beendete den letzten Handelstag des Jahres knapp unter seinem Allzeithoch³. Analog dazu kam es auch zu heftigen Bewegungen an den Anleihemärkten. So fielen die Renditen der besonders zinssensiblen zweijährigen US-Staatsanleihen auf rund 4,7 Prozent⁴, während sich die Renditeabstände zu zweijährigen Bundesanleihen verengten.

Die US-Notenbank stellt bis zu drei Zinssenkungen für 2024⁵ in Aussicht, liefert aber keine Anhaltspunkte, wann diese erfolgen sollen. Von den Märkten werden bis zu sieben Zinsschritte à 25 Basispunkte eingepreist – der erste bereits für März. Laut einer Expertenumfrage von CNBC⁶ rechnen 67 Prozent der befragten Ökonominnen und Ökonomen mit einem Zinsplateau bis zur Jahresmitte. Sie sind überzeugt: Die US-Notenbank lässt Vorsicht walten und senkt die Zinsen nicht in dem Tempo wie vom Markt antizipiert. Im Schnitt hielten die Befragten moderat fallende Zinsen um insgesamt 85 Basispunkte für realistisch.

Mittelfristige Unsicherheiten

Als sich die Fed im März 2022 für eine straffere Geldpolitik entschieden hatte, hob sie die Zinsen zunächst sehr rasch an. Zuletzt machte sie ihre Maßnahmen aber vom Zustand der US-Wirtschaft abhängig – insbesondere im Hinblick auf Inflationsdaten und Rezessionsszenarien. Diesen Kurs der „Fahrt auf Sicht“ wird sie sicherlich weiter fortsetzen. Das robuste Wirtschaftswachstum in Kombination mit der im Hinblick auf die Inflation aktuell entspannten Lage würde kurzfristige Zinssenkungen jedenfalls erlauben.

Allerdings setzt die direkte Wirkung der Geldpolitik in der Wirtschaft erst dann ein, wenn Refinanzierungen anstehen. Daher erwartet viele Unternehmen eine Belastungsprobe, wenn sie sich zu deutlich gestiegenen Zinssätzen refinanzieren müssen. Aufgrund der durchschnittlich guten Kapitalisierung im Unternehmenssektor war dies 2023 aber kaum der Fall. Deshalb könnte die sanfte konjunkturelle Landung, die für die erste Jahreshälfte 2024 erwartet wird, in der zweiten Hälfte in einer zyklischen Rezession münden. Erhöhte Kapitalkosten führten bereits zu mehr Zahlungsausfällen im Private-Credit-Markt – und wie bereits erwähnt: Der eigentliche Effekt der gestiegenen Finanzierungskosten kommt dieses Mal verzögert. 

Auch die Sorge vor geldpolitischen Fehlentscheidungen dürfte die Höhe und den Zeitpunkt bevorstehender Zinssenkungen beeinflussen. In den 1970ern führte ein verfrühtes Zurückrudern der US-Notenbank zum Beispiel geradewegs in eine langjährige Stagflation – eine Mischung aus erhöhter Inflation und wirtschaftlicher Stagnation. Dass die Inflation nämlich noch nicht vom Tisch ist, zeigte sich im Dezember, als die Teuerungsrate trotz Abwärtstrend einen unerwarteten Sprung⁷ nach oben verzeichnete.

Fazit

Die Performance vieler Anlageklassen wird im laufenden Anlagejahr maßgeblich von Zinserwartungen bestimmt. Zinssenkungen wurden von der US-Notenbank bereits in Aussicht gestellt. Den genauen Verlauf der Lockerung wird sie wohl von aktuellen Konjunkturdaten, der Inflationsentwicklung und mittelfristigen Rezessionsaussichten abhängig machen. Die Fed-Sitzung am 31. Januar dürfte für mehr Klarheit sorgen.

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