Der Kampf der Notenbanken gegen die Inflation zeigt Wirkung, sodass viele Anleger auf ein Ende der Zinserhöhungen hoffen, um eine tiefe Rezession zu vermeiden. Doch die Geschichte zeigt: Ein Zinsschock könnte langfristig die bessere Lösung sein.

Der Preisauftrieb in den Vereinigten Staaten hat deutlich nachgelassen. Bereits zum Jahreswechsel war die Inflation zum sechsten Mal in Folge gesunken. Im Dezember 2022 hatte US-Notenbank-Chef Jerome Powell dementsprechend verkündet, dass die Inflationsdynamik in den USA es nun auch erlaube, die Zinsschritte etwas kleiner zu gestalten. Die Folge: Die Fed tritt zinspolitisch wieder leicht auf die Bremse¹. In ihrer jüngsten Zinssitzung wurde der Leitzins nur noch um 25 Basispunkte² angehoben.

Auch wenn noch nicht abzusehen ist, wann dieser Zinserhöhungszyklus enden könnte, haben die US-Währungshüter ihr Vorgehen angepasst und stärker von aktuellen Konjunkturdaten³ abhängig gemacht. Das neue Motto lautet: beobachten und reagieren. Angesichts der Tatsache, dass die US-Volkswirtschaft noch immer hervorragend läuft und Zinserhöhungen oft erst Monate später ihre volle volkswirtschaftliche Wirkung entfalten, ist dies ein verständlicher Schritt.

Andererseits fielen die Reaktionen von Marktteilnehmern gemischt aus. Während viele Anleger bereits auf eine Rückkehr zur Lockerung und den nächsten Bullenmarkt hoffen, rütteln Powells Ankündigungen andernorts böse Erinnerungen wach: In den 1970er-Jahren befand sich die Fed nämlich in einer ganz ähnlichen Ausgangssituation. Als Folge des Ölpreisschocks im Jahr 1973⁴ hatte die Inflation historische Höchststände erreicht. Auch damals reagierte die US-Notenbank mit Zinserhöhungen, konnte sich aber auf keine klare Linie festlegen. Es folgte eine Stop-and-Go-Politik: Der Leitzins wurde angehoben, bis die Arbeitsmarktdaten nachgaben. Daraufhin steuerten die Wahrungshüter wieder gegen, indem sie die Zinsen leicht senkten.

Dieser Zickzack-Kurs zog sich über Jahre hin und führte die US-Wirtschaft geradewegs in eine Stagflation – also eine Mischung aus hoher Inflation und wirtschaftlicher Stagnation. Das beschädigte das Vertrauen der Bevölkerung in die Handlungsfähigkeit der Währungshüter, denen es weder gelang, die Inflation einzudämmen, noch den Arbeitsmarkt nachhaltig zu stabilisieren.

Schock statt Starre

Einen Ausweg aus der Misere präsentierte damals der inzwischen legendäre Fed-Chef Paul Volcker, der im Jahr 1979 das Ruder in Washington übernahm. Er erkannte, dass es eine klare Richtung und drastische Maßnahmen brauchte, um die galoppierende Inflation endgültig zu bändigen. Deshalb hob er die Zinsen in den USA um mehr als 20 Prozent⁵ an und nahm gleich zwei tiefe Rezessionen in Kauf.

Der wirtschaftliche Einbruch ging als sogenannter Volcker-Schock in die Geschichtsbücher ein. Eine Pleitewelle rollte heran, die Zahl der Insolvenzen stieg dramatisch, die Arbeitslosigkeit kletterte auf über zehn Prozent.⁶ Seine Kompromisslosigkeit machte den Notenbankchef zu einem der unbeliebtesten US-Amerikaner seiner Zeit. Letztendlich war die Rosskur jedoch erfolgreich: Ende 1982 lag die Teuerungsrate nur noch bei vier Prozent. Nun konnten die Notenbanker die Zinsen in raschen Schritten senken – ohne erneut in die Preisspirale zu geraten.

Fazit

Die US-Notenbank steht aktuell vor einer Richtungsentscheidung. Entweder wird künftig beobachtet, reagiert und gegebenenfalls auch korrigiert, oder Powell bleibt seiner Ankündigung aus dem Vorjahr treu: „We will keep at it until the job is done.“⁷ Für Anleger könnte ein solches Szenario auf kurze Sicht ungemütlich werden. Es ist allerdings unwahrscheinlich, dass es zu einem neuen Volcker-Moment kommt und die Währungshüter genauso hart durchgreifen wie in den 1970er-Jahren. Ich gehe vielmehr davon aus, dass die Fed das Risiko eines tiefen Wirtschaftseinbruchs mit Massenarbeitslosigkeit scheut und die Zinsen allenfalls noch in kleinen Schritten anhebt.

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