Immer mehr Länder möchten sich von der Abhängigkeit vom US-Dollar lösen. Seit Jahren mehren sich in der Finanzbranche Warnungen vor einer schleichenden De-Dollarisierung des Welthandels. Wie steht es um die globale Leitwährung?

Seit rund 80 Jahren ist der US-Dollar die wichtigste Währung der Weltwirtschaft. Nach Angaben der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ist die Leitwährung an etwa 88 Prozent¹ aller weltweiten Handelstransaktionen beteiligt. Insbesondere werden die Käufe und Verkäufe von Rohöl, nach wie vor der zentrale Schmierstoff der Weltwirtschaft, in US-Dollar abgewickelt. Der Dollar-Anteil am weltweiten Devisenhandel beläuft sich aktuell auf fast 60 Prozent². Und auch die Hälfte aller internationalen Schuldpapiere und Darlehen notieren in der US-Währung³. Aufgrund seiner Wertstabilität und des großen Vertrauens in die wirtschaftliche Stärke der USA gilt der Greenback an den Finanzmärkten als sicherer Hafen in Krisenzeiten.

Diese Vormachtstellung ist für die USA mit großen Privilegien verbunden. In Dollar denominierte Vermögenswerte wie Staatsanleihen erfreuen sich bei Anlegenden ungebrochener Beliebtheit und erleichtern es den USA, die eigene Staatsverschuldung zu schultern. Da internationale Zentralbanken gewaltige Dollarreserven horten, bleibt die Nachfrage nach der Währung konstant hoch. Darüber hinaus orientieren sich die Zentralbanken vieler Länder weltweit an den Entscheidungen und Einschätzungen der US-amerikanischen Federal Reserve, deren Geldpolitik naturgemäß vor allem die wirtschaftlichen Interessen der Vereinigten Staaten im Blick hat.

An dieser Vormachtstellung des US-Dollars lässt sich nur schwer rütteln, und doch ist sie nicht in Stein gemeißelt. EZB-Chefin Christine Lagarde etwa äußerte sich im April vor dem Rat für Auswärtige Angelegenheiten zum Thema⁴: Die ehemalige Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) glaubt, dass eine neue multipolare Wirtschaftsordnung rund um China die Weltreservewährung zumindest schwächen und einen Trend zur De-Dollarisierung des Welthandels vorantreiben könnte.

Diversifizierung im Währungsregime

Untergangsszenarien rund um den US-Dollar sind zwar nichts Neues, doch die Hinweise, dass die Leitwährung an Boden verliert, häufen sich tatsächlich. So ist der Prozentsatz der Finanztransaktionen, die in US-Dollar abgewickelt wurden⁵, in den vergangenen Jahrzehnten gesunken. Gleichzeitig fiel der globale Anteil der in Dollar gehaltenen Barreserven laut jüngsten IWF-Daten auf den niedrigsten Stand seit 1994⁶. Und auch die aktuellen Äußerungen der EZB-Chefin haben einen konkreten Hintergrund: Die sogenannten BRICS-Staaten, zu denen neben China auch Brasilien, Russland, Indien und Südafrika gehören, wollen sich dem Dollar-Regime erklärtermaßen künftig nicht länger vollständig unterordnen.

Einige BRICS-Staaten sind bestrebt, Abhängigkeiten vom US-Dollar zu reduzieren und sich so gegen mögliche Finanzsanktionen der USA zu wappnen. Russland etwa nutzt inzwischen den Yuan, um seine Erdöl-Exporte abzuwickeln. In Brasilien werden bereits mehr Handelsgeschäfte in der chinesischen Währung getätigt als in Euro. Aktuell macht der Yuan zwar erst rund drei Prozent des internationalen Reservewährungskorbs aus⁷, doch der Anteil wächst rasant. Neben den BRICS-Staaten haben auch Saudi-Arabien, Pakistan, Irak, Bolivien und sogar Frankreich Interesse am Handel mit dem Yuan signalisiert.

Neben dem Yuan setzt der Staatenbund auf eine weitere Zahlungsalternative, die am Regime des US-Dollars kratzen soll. Auf dem 15. Gipfel der BRICS-Allianz, der vom 22. bis 24. August in Südafrika stattfindet, wollen die fünf Mitgliedsstaaten eine eigene digitale Währung vorstellen, mit der zukünftig gehandelt werden soll. Die Dollar-Konkurrenz soll durch Gold, Silber, Rohstoffe und seltene Erden gedeckt werden.

Fazit

Der Trend einer De-Dollarisierung ist zwar im Gange, doch bedeutet das nicht, dass der US-Dollar in absehbarer Zeit seinen Status als Leit- und Weltreservewährung verlieren wird. Vielmehr weist diese Entwicklung auf eine Diversifizierung innerhalb des herrschenden Währungsregimes hin und auf die Möglichkeit von Landesregierungen, die einseitige Abhängigkeit vom US-Dollar sowie vom Wohlwollen der USA zu reduzieren.

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