Der Machtwechsel in Venezuela rückt die gewaltigen Ölvorkommen der Region ins Rampenlicht. Doch zwischen politischem Zugriff und wirtschaftlicher Nutzung stehen hohe technische, finanzielle und rechtliche Hürden. Die Märkte reagieren verhalten.

Kaum war der politische Machtwechsel in Venezuela vollzogen, floss das Öl. Anfang Januar organisierte die US-Regierung nach der gewaltsamen Absetzung des Staatspräsidenten Nicolás Maduro erste Verkäufe venezolanischen Rohöls über international tätige Handelshäuser wie Vitol oder Trafigura. Laut Angaben aus Washington lagen die dabei erzielten Preise rund 30 Prozent über den Erlösen der bisherigen Regierung1. Noch bevor sich neue politische Strukturen im Land abzeichnen, scheint für die USA offenbar die praktische Verwertung des wichtigsten wirtschaftlichen Vermögenswerts im Fokus zu stehen.

Mit rund 303 Milliarden Barrel verfügt Venezuela laut Daten der US Energy Information Administration2 über die weltweit größten nachgewiesenen Ölreserven, sogar mehr als Saudi-Arabien. Diese Zahl weckt hohe Erwartungen, zumal das Land früher eine bedeutende Rolle im Ölgeschäft spielte. Noch Anfang der 2000er-Jahre lag die Förderung bei rund drei Millionen Barrel pro Tag3. Zuletzt waren es lediglich eine Million Barrel täglich, was weniger als einem Prozent der weltweiten Produktion entspricht3.

Donald Trump will das Ölgeschäft in Venezuela nun für eine Übergangszeit stärker unter US-Einfluss stellen. Derzeit stehen die Öffnung des venezolanischen Ölsektors für westliche Unternehmen und eine außenpolitische Abkehr von bisherigen Partnern wie China im Mittelpunkt seiner öffentlichen Kommunikation.4

Förderfantasie trifft Marktrealität
Die Reaktionen an den Ölmärkten fallen bisher allerdings verhalten aus: Es gab noch keine spürbaren Angebots- oder Preisreaktionen. So notiert die internationale Ölsorte Brent auch nach der US-Intervention weiterhin nahe ihrem Fünfjahrestief5. Ein Blick auf historische Parallelen erklärt die Zurückhaltung: Im Irak etwa fiel die Ölproduktion nach dem Einbruch zu Beginn der 2000er-Jahre stark ab. Erst ein Jahrzehnt später erreichte sie wieder ein Niveau von über vier Millionen Barrel pro Tag6. Die Modernisierung und der Ausbau der Anlagen erwiesen sich als langwierige Angelegenheit und waren immer wieder von Rückschlägen geprägt.

Die strukturellen Hürden in Venezuela sind mindestens genauso hoch. Jahrzehntelanges Missmanagement, internationale Sanktionen und fehlende Investitionen haben zu einem massiven Substanzverfall geführt. Förderanlagen, Pipelines und Raffinerien gelten als technisch veraltet und sind zum Teil gar nicht mehr betriebsfähig.

Einzelne bestehende Ölfelder und Pipelines lassen sich mit vergleichsweise moderatem Kapitaleinsatz instand setzen. Schätzungen zufolge reichen Investitionen von rund 10 bis 20 Milliarden US-Dollar aus, um innerhalb weniger Jahre zusätzliche Fördermengen zu erschließen3. Für eine Rückkehr zur früheren Spitzenproduktion von rund drei Millionen Barrel pro Tag wäre jedoch ein deutlich höherer Investitionsbedarf erforderlich. Branchenanalyst Rystad Energy rechnet dazu mit einem Kapitalbedarf von rund 180 Milliarden US-Dollar über einen Zeitraum von 15 Jahren7. Selbst unter günstigen politischen Rahmenbedingungen wäre eine schnelle Produktionswende also unrealistisch.

Und es gibt noch einen weiteren Störfaktor: Zwar besitzt Venezuela viel Öl, jedoch ist es von minderer Qualität. Ein Großteil der Reserven stammt aus dem Orinoco-Gürtel und besteht aus schwerem bis extraschwerem Rohöl8. Dieses zu fördern ist technisch besonders aufwendig, es zu transportieren umständlich, und die Verarbeitung stellt eine weitere Hürde dar. Es werden spezielle Fördertechnik und Raffineriekapazitäten benötigt, was die Kosten steigern und die wirtschaftliche Attraktivität im Vergleich zu leichteren Ölsorten senkt. Die schiere Größe der Reserven sagt also wenig über ihre Nutzbarkeit aus.

Und dann sind da noch die fehlenden rechtlichen Rahmenbedingungen. Laut einem Bericht von Reuters fordern internationale Ölunternehmen schnelle Änderungen der geltenden Regeln, um das von ihnen geförderte Öl selbst verkaufen zu dürfen9. Bislang liegt die Kontrolle in Venezuela beim Staat, was für Investorinnen und Investoren ein erhebliches Risiko darstellt: Zahlungen sind nicht gesichert und Erlöse fließen nicht zuverlässig. Solange unklar bleibt, wer künftig über Verkauf, Einnahmen und Eigentumsrechte entscheidet, werden internationale Unternehmen zögern, größere Investitionen zu tätigen.

Fazit
Venezuelas Ölschatz ist zwar groß, sein kurzfristiger ökonomischer Wert jedoch begrenzt. Der politische Umbruch hat Erwartungen geweckt, bislang aber noch keine Angebotswende ausgelöst. Für Anlegerinnen und Anleger wird entscheidend sein, Förderfantasien von der strukturellen Realität zu trennen. Denn nicht die Größe der Reserven bestimmt Venezuelas Rolle am Ölmarkt, sondern die Fähigkeit, Vertrauen, Investitionen und stabile Rahmenbedingungen wiederherzustellen. Und da bleibt jede Menge zu tun.

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