Die Stimmung in Unternehmen ist besser als die Lage, berichten unsere Analysten. Doch Vorsicht: Noch ist der Aufschwung nicht da – und Unternehmen könnten ziellos durch die Krise steuern.

Unsere aktuelle Analysten-Umfrage zeigt: Unternehmen blicken weltweit wieder optimistischer nach vorn. In einem Umfeld rasant gestiegener Zinsen und hoher Inflation macht sich also Konjunkturoptimismus breit. So erwarten viele Unternehmensentscheider bereits im Jahresverlauf eine Wende zur wirtschaftlichen Erholung. 

So erfreulich sich diese Botschaft liest: Die Umfrage zeigt auch, dass zuvor schwierige Monate zu bewältigen sind, denn die Hoffnungen der Unternehmen richten sich vornehmlich auf die zweite Jahreshälfte. Aktuell stecken die Betriebe in einer ungewöhnlichen Übergangsphase, wie unsere Analysten berichten: Im 1. und 2. Quartal 2023 geht es ihnen vor allem darum, Schäden zu vermeiden, die Bilanzen aufzubessern und Schulden abzubauen. Investitionen oder gar Übernahmen stehen kaum an.

Abwettern kann Fehler produzieren

Es ist nachvollziehbar, dass die Unternehmen versuchen, die aktuelle Unsicherheitsphase gewissermaßen abzuwettern. Zugleich birgt dieser Modus irgendwo zwischen Bangen und Hoffen aber auch die Gefahr, Fehler zu machen. Dabei denke ich an das berühmte Tanaland-Experiment¹, das der Psychologe und Hirnforscher Dietrich Dörner in den 1970er Jahren durchgeführt hat. Dörner bat damals ein Dutzend Experten unterschiedlicher Fachrichtungen, für das Wohlergehen der Menschen in einem fiktiven Steppengebiet in Ostafrika zu sorgen. 

Nach einigen Monaten endete dieses frühe Computer-Simulationsspiel im Chaos, mit Überbevölkerung und Hungersnot. Später erweiterte Dörner seine Studien um die erfundene Kleinstadt Lohhausen. Auch hier konnten die Versuchspersonen hemmungslos regieren, Fabriken eröffnen, Preise am Wohnungsmarkt vorgeben und vieles mehr. Und auch hier lief die Sache meist schon nach wenigen Runden aus dem Ruder.

Interessant ist die Erklärung des Psychologen für das Scheitern: Er konnte zeigen, dass die Probanden trotz ihrer Expertise angesichts vieler vernetzter Probleme reihenweise an der Kombination aus Komplexität und Unbestimmtheit gescheitert waren. 

Mich erinnert das an die aktuelle Weltlage, die ja von vielen Krisen geprägt ist, die mehr oder weniger stark zusammenhängen.

Kein Blick nach vorn

Wie aber reagierten die Experten in der Simulation? Nun, anstatt zu versuchen, die Wechselwirkungen zu ergründen oder gar auf die Veränderungen der Umwelt zu reagieren, gingen die meisten recht schnell in einen ziellosen Modus der unmittelbaren Konfliktvermeidung über: Reparaturdienstverhalten nennt Dörner das. Sie priorisierten Probleme nicht mehr, sondern lösten in einem Zustand des „Ad-hocismus“ stets nur das, was ihnen offensichtlich erschien oder vor die Füße fiel. 

Mit der Schadensvermeidung droht in diesen Monaten Ähnliches. Wie reagiert man beispielsweise auf steigende Energiekosten? Im Reparaturdienstmodus fahren Unternehmen die Produktion herunter, wenn die Gaspreise steigen. Mit Blick auf das große Ganze sollten sie eher eine Transformation einleiten, also dafür sorgen, dass sie künftig nicht mehr in dieselben Probleme geraten – etwa durch Umstellung der Produktion auf CO2-Neutralität. Warten wir mal ab, wie schnell das passiert.

Fazit

Der steigende Optimismus bei Unternehmen paart sich in den kommenden Monaten mit einer abwartenden Haltung. Die Gefahr dabei: Statt die großen Themen der Zukunft anzupacken und weitsichtige Antworten zu suchen, könnte es passieren, dass Unternehmen in ein Reparaturdienstverhalten verfallen – und den Anschluss verpassen. Optimistischer formuliert: Sobald die Unternehmen die großen vernetzen Herausforderungen der Zukunft anpacken, wird wieder investiert und nicht nur repariert. Das kommt hoffentlich im zweiten Halbjahr 2023. Bis dahin lautet das Gebot der Stunde für Investoren: Vorsicht ist besser als Euphorie.

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