Steigende CO₂-Preise sind ein zentrales Instrument der Klimapolitik. Kritiker des Emissionshandels fürchten allerdings, dass energieintensive Unternehmen an andere Standorte fliehen. Ist das Phänomen Carbon Leakage eine reale Gefahr für das Klima und den Standort Europa?

Einmal mehr sind die CO₂-Preise mit dem Jahreswechsel gestiegen. Für die Verbraucher wurde das an den Tanksäulen unmittelbar spürbar. Energieintensive Unternehmen trifft der Preisanstieg noch härter — zumal sie sich auf weitere Kostensteigerungen einstellen müssen. „Die Ausgaben für den CO₂-Ausstoß müssen weh tun", sagt der Umweltökonom Benjamin Görlach. „Ansonsten ist das Instrument nicht effizient.“ Als Senior Fellow am Ecologic Institut, einem akademischen Think Tank für Umweltforschung und Politikanalyse, beschäftigt er sich mit der Wirksamkeit ökonomischer Instrumente im Klimaschutz. Finanzielle Anreize sollen Unternehmen motivieren, ihren Teil zum Klimaschutz beizutragen. „Und dass wir das Klima schützen müssen, steht außer Frage“, sagt Görlach im Fidelity Kapitalmarktpodcast.

Aber nicht um jeden Preis, entgegnen Kritiker. Die Wirtschaft dürfe keinen Schaden an klimapolitischen Maßnahmen nehmen. Unternehmen könnten sonst unter dem Kostendruck in die Knie gehen — oder in Länder mit weniger hohen und damit für sie kostengünstigeren Klimaschutzanforderungen abwandern.
 

CO₂-Preise in der Industrie

So steigen Produktionskosten durch den CO₂-Preis: das Beispiel der Stahlindustrie bei einem CO₂-Preis von 50 Euro pro ausgestoßener Tonne.1

Produktion 1 Tonne Stahl → etwa 1,7 Tonnen CO₂
1,7 Tonnen CO₂ → 85 Euro pro Tonne Stahl
Stahlpreis von 400 Euro → Preisaufschlag von gut 21 Prozent

Was bedeutet Carbon Leakage für Anleger?

Die Standortflucht wegen hoher Emissionskosten ist als Carbon Leakage, das Kohlenstoff-Leck, bekannt. In den Debatten um Emissionshandel und CO₂-Steuer ist es längst ein geflügeltes Wort. Es gilt nicht nur Wirtschaftsvertretern, sondern auch Klimaschützern als Angstszenario. Das Klima kennt schließlich keine Landesgrenzen, und wenn Unternehmen hohen Emissionskosten entgehen können, geht die Lenkungswirkung verloren. „Im Alleingang lässt sich die Klimakrise nicht abwenden. Das Ideal wären daher globale Emissionsrichtlinien“, sagt der Umweltökonom Görlach. „Aber es ist utopisch, dass sich die Weltgemeinschaft darauf einigt.“ Ein solcher Vorstoß würde etwa an den USA scheitern, die sich bisher nicht einmal zu einheitlichen Grenzwerten für alle US-Bundesstaaten durchringen konnten. Hingegen haben sich die EU-Staaten mit dem Green Deal inzwischen ein einheitliches ambitioniertes Ziel gesetzt: Bis 2050 soll Europa der erste klimaneutrale Kontinent werden.

Emissionshandel

Das Prinzip ist einfach: Die Politik legt fest, wie viele Tonnen CO₂ bestimmte Industriesektoren ausstoßen dürfen. Wer zu der Gruppe gehört, muss für jede Tonne eine Berechtigung in Form sogenannter Emissionszertifikate erwerben. Die Emittenten dürfen die Zertifikate untereinander handeln. So wird der CO₂-Ausstoß nach marktwirtschaftlichen Prinzipien reguliert.

Europäisches Emissionshandelssystem (EU ETS)
Das EU ETS startete im Jahr 2005 und verpflichtet europaweit rund 11.000 Anlagen wie Kraftwerke, Raffinerien und Stahlwerke zur Teilnahme. Laut Bundesumweltamt sind darunter etwa 1.900 deutsche Anlagen.

Nationales Emissionshandelssystem (nEHS)
Seit 2021 ergänzt hierzulande ein nationales Emissionshandelssystem das EU ETS. Es betrifft nahezu alle übrigen Emissionen durch die Verbrennung fossiler Energieträger — beispielsweise im Straßenverkehr und beim Heizen. Abgabepflichtig sind nicht etwa Autofahrer und Wohneigentümer, sondern die sogenannten Inverkehrbringer. Das sind die Unternehmen, die die fossilen Brennstoffe in den deutschen Markt einführen. Die Verbraucher sind indirekt von den Preissteigerungen betroffen.

Die klimapolitische Agenda ist langfristig angelegt — Anleger sollten daher mehr Augenmerk auf langfristige Effekte legen als auf unmittelbare Reaktionen. Wenn man in der Analyse vermehrt auf Nachhaltigkeitsaspekte achtet, können Rendite-Risiko-Verhältnisse besser eingeschätzt werden. Das gilt vor allem bei Investitionen in Branchen, die sensibel auf schwankende Energiepreise reagieren und damit potenziell besonders anfällig sind für Carbon Leakage.

Einen Anhaltspunkt für Wackelkandidaten liefert die europäische Carbon-Leakage-Liste.2 In ihr benennt die Europäische Kommission 63 Sektoren/Teilsektoren, bei denen sie das Risiko der Emissionsverlagerung ins Ausland als besonders hoch einschätzt. Das Dokument ist keine rote Liste, bietet aber durchaus Orientierungshilfe für Investoren.

Der klimapolitische Balanceakt

Wer in der Carbon-Leakage-Liste landet, kann sich über Sonderkonditionen im Europäischen Emissionshandelssystem (EU ETS) freuen. Die gelisteten Sektoren erhalten mehr kostenlose Zertifikate als andere. In Deutschland winkt den besonders stromintensiven Unternehmen zudem ein Ausgleich für emissionshandelsbedingt höhere Stromkosten. Solche Kompensationsmaßnahmen sind exemplarisch für den klimapolitischen Balanceakt: Regulierer wollen einerseits für den Klimaschutz hart durchgreifen, andererseits den wirtschaftlichen Wohlstand bewahren. „Die CO₂-Preise dürfen daher nicht der einzige Hebel sein“, sagt Görlach. Er rät: „Parallel muss die Politik immer auch Innovationsförderung betreiben.“

Statt an alten Technologien festzuhalten, müssen neue, klimaschonende Technologien in die Anwendung kommen — und dafür bedarf es der nötigen Anreize. Diese können auch von den Kapitalmärkten ausgehen, wenn Anleger klimabewusstes Handeln mit ihren Investitionsentscheidungen befürworten. „So entsteht ein neuer Wettbewerb um Innovation“, sagt Görlach. „Wer neue Technologien als Erster rentabel macht, wird ihn für sich entscheiden.“

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